17.03.2021
Fraktionssitzung zur Zukunft des öffentlichen Personennahverkehrs

Bericht von Markus Müller

FW/UW-Kreistagsfraktion bespricht Zukunft des öffentlichen Personennahverkehrs im Landkreis Traunstein und informiert sich über Möglichkeiten der Qualitätssteigerung

Siegsdorf. Über den Stand der Dinge in Sachen „ÖPNV-Nahverkehrsplan“ informierte der Nahverkehrsplaner im Landratsamt Traunstein Marko Just (Gruppenleiter Mobilität) die Kreistagsfraktion der Freien und Unabhängigen Wähler Traunstein in deren Sitzung im Sitzungssaal des Rathauses. Wie er eingangs erinnerte, soll der Nahverkehrsplan, dessen Fortschreibung der Traunsteiner Kreistag im Dezember 2019 beschlossen hatte, bis Ende dieses Jahres unter Einbeziehung aller Beteiligten (zum Beispiel Kommunen, Verkehrsunternehmer, Bayerische Eisenbahngesellschaft, Vertreter aus Tourismus und Gesundheit, Senioren- und Behindertenbeauftragte) erstellt werden. Nach dem erfolgreich abgeschlossenen Analyseprozess arbeitet man derzeit an der Konzeptionierung. Ziel der Nahverkehrsplanung des Landkreises sei eine „spürbare Qualitätsverbesserung“, betonte Just und nannte in diesem Zusammenhang die Erschließungsqualität, die Bedienungsqualität (Häufigkeit und Pünktlichkeit), die Verbindungsqualität (Reisezeit und Anschlüsse), die Servicequalität (unter anderem Informationsverfügbarkeit) und die Ausrüstungsqualität (Barrierefreiheit und ähnliches). Die Erschließungs- und Bedienungsqualität sollten mindestens den Richtwerten der Leitlinie zur Nahverkehrsplanung in Bayern entsprechen. Gerade bei der Abstimmung mit der Bahn, für die die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG) zuständig sei, werde an Verbesserungen gearbeitet, so Just. Man befinde sich hierfür in einem „regelmäßigem Austausch“. Die Zeitintervalle zum Umsteigen sollten sich zwischen sechs und 15 Minuten bewegen, da dies Just zufolge je nach Örtlichkeit „akzeptable Zeitintervalle für Anschlüsse“ seien. Was die Servicequalität anbelange, liege der Schwerpunkt auf der „Digitalisierung des ÖPNV“ und zwar von der Auskunft über die Buchung bis hin zur Abrechnung. Die elektronische Bereitstellung von wichtigen Informationen für den Fahrgast bezeichnete er „als Grundvoraussetzung für die Qualitätssteigerung im ÖPNV der Zukunft“. Erfreulicher Weise hätten einige beteiligte Unternehmen diese Technologie bereits. Ziel sei es, dass alle Verkehrsunternehmen digitale Infos anbieten. Dazu gelte es, wie im November 2020 vom Kreisausschuss beschlossen, stufenweise die Grundlagen für digitale Angebote zu schaffen. mmü

 

Anschließende Diskussion zum ÖPNV mit kritischen Stimmen:

In der folgenden fraktionsinternen Diskussion wünschte sich der FW-Fraktionsvorsitzende Manfred Kösterke, dass die Vernetzung des ÖPNV im Landkreis besser mit den angrenzenden Nahverkehrsverbünden abgestimmt werde. Der Rad- und Wanderbus  Chiemsee-Ringlinie in den Landkreisen Traunstein und Rosenheim wurde exemplarisch als Vorzeigemodell genannt. Was die angrenzenden österreichischen Bundesländer Salzburg, Tirol und Oberösterreich anbelange, sei eine engere Nahverkehrsverzahnung schwierig, weil es dort „ganz andere Strukturen“ gebe. Mit der EUREGiO Salzburg-Berchtesgadener Land-Traunstein lote man in diesem Bereich, aber auch in vielen anderen Feldern immer wieder erfolgreich Möglichkeiten einer engeren Zusammenarbeit auf kommunaler Ebene aus, hieß es. Barbara Danninger verwies auf das das grenznahe Erfolgsmodell der Bahnlinie Fridolfing-Anthering mit Ein-Stunden-Takt. Durch Corona sei das Ganze leider etwas ausgebremst worden. Paul Obermeier brach eine Lanze für ein „Ein-Euro-Ticket“, denn mit dessen Einführung würde seiner Meinung nach auch die Traun-Alz-Bahn viel besser angenommen werden. „Wenn ich einen Fahrgast drin sehe, dann freue ich mich, der Zug transportiert sonst nur warme Luft“, meinte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Dr. Lothar Seissiger. Seit 14. Juni 2020 bietet die Südostbayernbahn (SOB) bekanntlich auch am Wochenende Züge auf der Traun-Alz-Bahn von Mühldorf über Garching und Trostberg nach Traunstein im Zweistundentakt an, nur angenommen wird das Angebot wohl noch nicht wie gewünscht. „Manchmal fahren Bahn und Bus auch zur gleichen Zeit“, kritisierte Franz Obermayer. Es sei ein „Armutszeugnis“, so Seissiger, dass es „Bahn und ÖPNV nicht schaffen etwas gemeinsam auf die Füße zu stellen“. „Es geht nur um den Preis, es muss von den Ticketkosten interessanter werden“, meinten Gerhard Wirnshofer und Berufschullehrer Dr. Martin Brunnhuber. Letzterer forderte insbesondere ein „attraktives Angebot für Schüler“. Genannt wurde in diesem Zusammenhang das „Chiemgau Schüler- und Studententicket“, mit dem Schüler, Auszubildende und Studenten seit 1. Januar 2020 jeden Tag ab 14 Uhr den ÖPNV nutzen könnten, an Ferientagen, Wochenenden und Feiertagen sogar ganztägig. Der Eigenanteil beträgt nur zwei Euro pro Ticket und Monat, den Rest übernimmt der Landkreis. Danninger appellierte, dass man solche tollen Angebote zur Image-Verbesserung noch besser bewerben müsste, gerade auch in den Gemeinden. Die Schulen mit ihren Homepages, die jeweilige Schülermitverantwortung (SMV) und die BAföGstelle im Landratsamt könnten hier mit ins Boot genommen werden, so der FW/UW-Kreisvorsitzende Andreas Danzer. Kösterke brachte ein 365-Euro-Ticket ins Spiel, das an allen 365 Tagen im Jahr von 0 bis 24 Uhr gültig sei. Solch ein Ticket müsste aber auch entsprechend angenommen werden, damit es sich rechne, so der Siegsdorfer Bürgermeister Thomas Kamm mit Verweis auf den kostspieligen Schülerverkehr in seiner Gemeinde. Trotz aller Bemühungen werde man den ÖPNV nie so gestalten können wie in einer großen Stadt wie München, gab Josef Huber zu bedenken. Unverständlich sei, so Paul Obermeier, dass die Bahn, wie in Hörpolding geschehen, Flächen um ihre Bahnhöfe verkaufe, obwohl es dort eh schon zu wenige Parkplätze gebe. Das stehe dem Ziel entgegen, die Fahrgastzahlen zu erhöhen. mmü