25.10.2019
„Schule for Future?!“

Lehrer diskutierten mit Kultusminister Piazolo über Probleme und Herausforderungen

Bericht und Fotos © von Markus Müller

Siegsdorf. Öffentliche Diskussionsveranstaltungen mit einem Regierungsvertreter ähneln oft einem Spießrutenlauf, vor allem dann, wenn es um ein gesellschaftliches Thema geht, das die Gemüter bewegt. Der seit knapp einem Jahr amtierende bayerische Staatsminister für Unterricht und Kultus Prof. Dr. Michael Piazolo (Freie Wähler) wusste dies natürlich schon als er die Einladung zur Diskussionsrunde „Schule for Future?!“ des Kreisverbandes der Freien- und Unabhängigen Wähler Traunstein und des Berufsverbandes für Lehrkräfte und Pädagogen Katholische Erziehergemeinschaft (KEG) auf dem Schreibtisch hatte und dennoch scheute er sich nicht, in den Siegsdorfer Festsaal zu kommen, wo rund 200 Besucher, darunter viele Vertreter von Grund- und Mittelschulen, Realschulen, Gymnasien, Förder- und Berufsschulen der Region 18, auf ihn warteten – nicht um das vielfältig differenzierte und durchlässige bayerische Schulsystem zu loben, sondern um konstruktiv Kritik zu üben, Missstände offen anzusprechen und Vorschläge und Wünsche zur Verbesserung des Schulalltags vorzubringen.

„Woran liegt es, dass ich immer mehr das Gefühl habe, für die Zukunft nicht gewappnet zu sein?“, fragte die Grabenstätter Grundschulrektorin Josephine Brunnhuber in ihrer Funktion als KEG-Kreisvorsitzende eingangs in die Runde und schob die Gründe gleich hinterher: „Zunehmend geht es gefühlt nur noch um Digitalisierung, während primäre Kulturtechniken wie Handschrift und Lesen zu kurz kommen, zunehmend übernehmen wir Erziehungsarbeiten, ohne dass uns Zeit dafür gegeben wurde, zunehmend ist ein Großteil der Schüler nicht mehr an der passenden Schulart, da die Übertrittsbedingungen aufgeweicht wurden, zunehmend kämpfen wir um den Erhalt kleiner Schulstandorte, zunehmend kämpfen wir mit einem Absinken des Bildungsniveaus, während die Eltern ständig das Gefühl haben, dass die Anforderungen steigen, zunehmend haben wir es mit zeitaufwändigen, teils auch diskreditierenden Elterngesprächen zu tun, zunehmend kämpfen wir mit Unterrichtsausfall und Lehrermangel und wächst uns die Inklusion und Integration, die oft zum Nulltarif gemacht wird, über den Kopf“. Auch dass der Lehrerberuf gesellschaftlich nicht mehr so wertgeschätzt werde wie früher, sei ein Problem und trotzdem mache man unbeirrt weiter, so Brunnhuber. Engagierte Lehrer seien unverzichtbar, müssten aber auch für die anstehenden Veränderungen gerüstet werden. An Politik, Schulräte, Lehrer, Schüler und Eltern appellierte sie: „Schule for Future braucht einen Wandel, nicht nur am Freitag. Oiso helf ma zam und pack mas o!“.

„Die Digitalisierung an den Schulen wird immer wieder als vierte Kulturtechnik verkauft, dabei sind die Voraussetzungen dafür nicht im Ansatz gegeben“, da es in diesem Bereich „keine ausgebildete Fachlehrkräfte und keinen Fachlehrplan“ gebe, kritisierte ein Gymnasiallehrer zu Beginn der 60-minütigen Diskussionsrunde, die von FW/UW-Kreisrätin und Berufsfachschullehrerin Sandra Sonntag und dem stellvertretenden Schulleiter der Berufsschule III in Traunstein Dr. Martin Brunnhuber gekonnt moderiert wurde. Sie habe 38 Jahre an der Grundschule unterrichtet und sei der Überzeugung, dass die Digitalisierung für die Grundschüler zu früh komme, so eine pensionierte Lehrerin. Die dafür vorgesehenen Gelder sollten stattdessen zur Lehreraufstockung verwenden werden. Auch wenn es bei der Umsetzung noch Unklarheiten gebe, steht für Piazolo fest: „Auch die Grundschule wird nicht ohne Digitalisierung auskommen“. Es gelte die Schüler frühzeitig über die richtige Mediennutzung aufzuklären, da die Smartphone- und Internetnutzer bekanntlich immer jünger würden. „Wann erhalten auch wir endlich A13-Besoldung? Wir hätten es verdient“, meinte ein Grund- und Mittelschullehrer und erhielt dafür einhellige Zustimmung. Man leiste dort die ganze Integrationsarbeit und Basis für die weiterführenden Schulen, fügte ein Kollege an. Mit der A13-Besoldungsgruppe könnte man den Beruf des Grund- und Mittelschullehrers attraktiver machen. Piazolo zeigte Verständnis für die Forderungen, räumte aber zugleich ein, dass dies auch entsprechend finanziert werden müsse. Auch an den Berufsschulen habe man es mit Lehrerengpässen zu tun, und da könne er es nicht verstehen, warum ein Gymnasiallehrer nicht unbefristet eingestellt werden dürfe, so der Leiter des Staatlichen Beruflichen Schulzentrums (BSZ) Traunstein. Mit Blick auf den Lehrermangel erinnerte Piazolo daran, dass die neue bayerische Staatsregierung aus CSU und Freien Wählern im Koalitionsvertrag die Schaffung von 5000 neuen Lehrerstellen bis 2023 vereinbart habe. 1000 Stellen seien schon geschaffen worden. Kritik gab es auch an der Oberstufe des neuen neunjährigen Gymnasiums, dessen Wiedereinführung gerade von den Freien Wählern gefordert worden war. „Ich würde meine Schüler gerne mit einem guten Gefühl an die Hochschule schicken, doch dafür braucht man zwei Fächer, die man intensiv unterrichtet und keinen Abitur-Einheitsbrei“, meinte ein Gymnasiallehrer und beklagte sich über fehlende Möglichkeiten der Individualisierung und Spezialisierung: „Man sollte wissen, wo es hingeht, aber momentan wissen wir es leider nicht“.

Die Frage nach der besten Methode der Wissensvermittlung sei so alt wie die Menschheit, doch „von der reinen Wissensvermittlung sind wir schon weit weg“, betonte Piazolo eingangs in seinem frei gehaltenen Vortrag. Wichtiger sei es in der heutigen schnelllebigen Zeit zu wissen, wo und wie man sich notwendiges Fachwissen und Kompetenzen aneignen könne. Zudem gelte es an den Schulen Werte zu vermitteln und die jungen Leute zu Persönlichkeiten zu entwickeln und hier hätten die Lehrkräfte eine wichtige Vorbildfunktion, so der FW-Politiker. Nicht von der Hand zu weisen sei, dass „Probleme in der Gesellschaft in die Schule hineinschwappen, doch die Schule ist kein Reparaturbetrieb der Gesellschaft“, stellte der 63-jährige Jurist und Politikwissenschaftler unmissverständlich klar. Als große Herausforderungen bezeichnete er die Unterrichtsversorgung, flächendeckende und bedarfsgerechte Ganztagsangebote in allen Schularten und den Digitalisierungsprozess in bayerischen Klassenzimmern. Ganz bewusst habe die Staatsregierung im Rekord-Doppelhaushalt 2019/2020 mit einem Etat von 124 Milliarden Euro rund ein Drittel der Gelder (42 Milliarden) für Bildungsausgaben eingeplant.

Piazolo dankte den Schulvertretern und Lehrern für „das Engagement, das sie tagtäglich bringen“ und freute sich über das nachträgliche Geburtstagsgeschenk, dass ihm FW/UW-Kreisvorsitzender Andreas Danzer und dessen Kreistagskollege, Bürgermeister Thomas Kamm überreichten. Stehende Ovationen gab es für die gut 50-köpfige Schüler-Big-Band des Annette-Kolb-Gymnasiums Traunstein, die unter der Leitung von Felix Hagenauer groß aufspielte. mmü

 

Bildunterschriften:

Foto 1 (© Markus Müller): Der bayerische Staatsminister für Unterricht und Kultus Prof. Dr. Michael Piazolo (Dritter von links) nach der Diskussionsrunde „Schule for Future?!“ im Siegsdorfer Festsaal mit dem FW/UW-Kreisvorsitzenden Andreas Danzer (links), der Kreisvorsitzenden der Katholischen Erziehergemeinschaft (KEG) und Grabenstätter Grundschulrektorin Josephine Brunnhuber (Dritte von rechts), Bürgermeister und Kreisrat Thomas Kamm (rechts) und den beiden Moderatoren Sandra Sonntag (Zweite von links) und Dr. Martin Brunnhuber.

Foto 2 (© Markus Müller): Der bayerische Staatsminister für Unterricht und Kultus Prof. Dr. Michael Piazolo musste in der Diskussionsveranstaltung „Schule for Future?!“ im Siegsdorfer Festsaal auch Kritik einstecken. Die zahlreichen Fragen beantwortete er gerne.

Foto 3 (© Markus Müller): Die großartigeSchüler-Big-Band des Annette-Kolb-Gymnasiums Traunstein.

Foto 4 (© Markus Müller): Nachträglich zum Geburtstag gratulierten dem referierendenbayerischen Staatsminister für Unterricht und Kultus Prof. Dr. Michael Piazolo (von links) der FW/UW-Kreisvorsitzende Andreas Danzer (links) und Bürgermeister und Kreisrat Thomas Kamm.